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Museum Wiesbaden

GRÜNDUNG DES MUSEUMS

IMG_4073Zum Zeitpunkt der Säkularisierung gab es in Wiesbaden kein Museum, das die Kunstgüter aus den Klöstern hätte aufnehmen können, nennenswerte fürstliche Privatsammlungen waren im nassauischen Bereich nicht vorhanden. So lag der Gedanke nahe, bei Gründung der Bibliothek 1813 auch über eine Museumsgründung nachzudenken.[7] Hundeshagen „legte das erste Fundament zu dem mit der Bibliothek verbundenen „Antiquarium“, dem späteren Museum für Nassauische Altertumskunde.“[8] Der Schwerpunkt lag zunächst auf den römischen Fundstücken, mittelalterliche und neuere Kunstgegenstände, so auch die Kunstwerke aus den Klöstern, waren von geringerem Interesse und damit der Zerstreuung und Vernichtung ausgesetzt.[9] Im Jahr 1814 wird der Wiesbadener Pfarrer Krämer als Sachverständiger für sämtliche Kunstgegenstände eingesetzt. Diesbezügliche Aufzeichnungen von Hundeshagen spiegeln die

„programmatische[n] Gedanken eines romantischen Museumsgeistes [wieder], der wirklich eine neue Epoche der Altertumskunde ankündigt: die Museen als Tempel der Vorzeit, als Heiligtümer eine neuen Menschheit, in einer Zeit, da die alten Heiligtümer im Namen der Kultur vom Staate eingezogen wurden.“[10]

Den wirklichen Grundstock des heutigen Landesmuseums Wiesbaden stellt das Kunstkabinett des Frankfurters Johann Isaak von Gerning dar, der seine Gemälde 1824 an den Nassauischen Staat verkaufte. Bereits am 20. August 1817 machte Geheimrat von Gerning dem Minister ein Angebot „eine vaterländische Gesellschaft für Altertum und Geschichte als ein nassauisches Museum für Kunst und Natur in Wiesbaden oder Biebrich zu gründen“[11]. Seine Sammlung sollte dazu den Grundstock bilden. Sie bestand aus den folgenden Abteilungen[12]:

  1. Gemälde, Handzeichnungen, Kupferstiche
  2. Altertümer („Antiken“) und sonstige Kunstgegenstände, wie Ausgrabungsstücke, Vasen, Bronzen, Majoliken
  3. Münzen
  4. Insekten und Schmetterlinge
  5. eine Bibliothek, darunter Pracht- und Kupferwerke

Die Sammlung – mit Ausnahme der Insekten und Schmetterlingssammlung – sollte dem nassauischen Staate für eine Leibrente von 2500 Gulden überlassen werden.[13]  Im Jahre 1824 erfolgt eine Inaugenscheinnahme der Sammlung in Frankfurt durch den Bibliothekar Weitzel, dessen Bericht die Sammlung als

„nicht anders als bedeutend und ihre Erwerbung wünschenswert erscheinen [lässt]. Es fehlt ihr allerdings an jener Vollständigkeit, daß sie auch nur in irgendeinem Teile ein Ganzes bildet; doch enthält sie schätzbare Beiträge, eine schöne Grundlage eines Museums, das sich bei einigen Mitteln erweitern und in einzelnen Teilen auch ergänzen läßt.“[14]

Die Übernahme der Sammlung gestaltete sich als schwierig, da Gerning die Sammlung im Wesentlichen aus Geldmangel abgeben musste. Teile der Sammlung waren verpfändet und kamen erst später nach Wiesbaden.[15] Insgesamt umfasste die Gerningsche Sammlung 156 Ölbilder, Handzeichnungen, ca. 6.000 Kupferstiche, griechische und römische Münzen, Gemmen, Kameen, Plastiken, römische und etruskische Vasen, Schalen und Gläser, sowie einige 100 Bände wertvoller Kupferwerke für die Bibliothek.[16]Neun Gemälde davon lassen sich noch bis 1967 im Museumsbestand nachweisen (siehe Anhang).

Die Sammlung Gerning ist seit dem 1. April 1825 der Öffentlichkeit zugänglich. Dieses Datum gilt somit als das Geburtsdatum für das um die Gemäldegalerie erweiterte Museum.[17]

„Für die Gemäldegalerie war die Gerningsche Sammlung mit ihrer Schein-Großartigkeit, ohne Konzentration, ohne Bescheidung auf besondere Gebiete gesammelt, eine Versuchung, der man in späterer Zeit nicht widerstanden hat. In den ersten Jahrzehnten begnügte man sich [jedoch] mit der Pracht eines fertigen Museums. Fast nichts wurde mehr dazugekauft.“ [18]

Stattdessen wurden unnötig, weil veraltet, erscheinende Kunstwerke durch Weitzel versetzt und gegen andere Kunstgegenstände eingetauscht.[19]

Es sind keine Inventare vorhanden, so dass die weitere Ankaufspolitik der Sammlung kaum nachvollzogen werden kann. Grundstock blieb jedoch die Sammlung von Gerning. Wichtige Erweiterung nach dem Wandel der „Herzoglichen“ Galerie in die „Königlich-Preußische“ Galerie waren die ersten 21 Dauerleihgaben aus den Berliner Museen im Jahre 1884, denen weitere folgten.[20]

 

[7] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 171; 1813 wird die Bibliothek erstmals öffentlich zugänglich gemacht; sie erhält Namen und Rang einer Herzoglich Nassauischen Öffentlichen Bibliothek. 1813 gilt daher als das eigentliche Gründungsjahr der Hessischen Landesbibliothek. Acht Jahre später zieht die Bibliothek ins Erbprinzenpalais um; Geschichte der Bibliothek

[8] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 173

[9] „Das Mittelalter einschließlich des Barocks war, sofern es sich um kirchliche Gebrauchsgegenstände handelte, noch in keiner Weise museumsreif.“ Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 173

[10] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 175

[11] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 177

[12] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 183

[13] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 184; Vorgeschlagen war, die Sammlung zusammen mit der Bibliothek öffentlich zugänglich zu machen, wobei Gernings Sammlung in dem „kleine Saal und den daran stoßenden hinteren Zimmern [aufgestellt würde], wodurch dann der ganze Stock des Schlösschens auf eine sehr schickliche Weise aufgefüllet und besetzt würde.“ ebd. S. 186

[14] Weitzels Bericht über Gernings Kunstsammlung vom 03.11.1824, in: Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 186; Weitzels Sekretär Zimmermann hat zu diesem Bericht ein Verzeichnis der Kunstgegenstände angelegt, das jedoch leider nicht mehr vorhanden ist, vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[15] So waren beispielsweise 32 griechische und römische Münzen beim „Banquier Rothschild“ verpfändet. vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 189; Hinzu kam die Schwierigkeit, dass Gerning zu befürchten schien, sein Ruf könne an dieser Abtretung der Sammlung gegen eine Leibrente Schaden nehmen. Weitzel berichtet darüber in seinem Bericht an den Minister vom 10.12.1924: „Herr v. Gerning will den Ausdruck nicht gelten lassen, daß er sein Museum verkauft habe“  Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 189

[16] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 191

[17] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[18] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[19] Eine generelle Genehmigung zu diesem Vorgehen erhält er vom Ministerium am 20.10.1825. vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 195

[20] vgl. Schmidt, Ulrich: Bürgerliche Kunstförderung in Wiesbaden. Zur Geschichte des Nassauischen Kunstvereins, in Nassauische Annalen, Bd. 84, Wiesbaden 1973, S. 151-169, S. 157

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